Olaf Giermann
Olafs Portfolio: https://www.behance.net/olafgiermann
Olafs Bildbearbeitungs- und KI-Gemeinschaft: https://www.skool.com/giermeinschaft-bildbearbeitung-3533/about?ref=3a748106233a419e9f31c35020bc8bc3

1. Wie würdest du dich und deine Fotografie jemandem beschreiben, der dich noch nicht kennt – ohne über Technik oder Genres zu sprechen?
Mein Hauptinteresse galt ursprünglich gar nicht der Fotografie. Ich hatte eigentlich nur mit dem Fotografieren angefangen, um Versatzstücke für Fotomontagen zu sammeln, mit denen ich meine eigenen Bildvisionen verwirklichen wollte.

Das hat sich inzwischen geändert. Zum einen, weil ich in 3D-Programmen (fast) alles bauen oder als Stock-Asset laden kann, was ich für Fotomontagen benötigen würde, und zum anderen, weil generative KIs jede Verwirklichung meiner Ideen, die möglichst wenig mit unserer alltäglichen Realität zu tun haben sollen, noch um ein Vielfaches beschleunigen.
Heute fotografiere ich deshalb nur noch das, was mich – meist bei Fotowalks – in der echten Welt fasziniert: Architektur, Landschaften, Felsen, Bäume … Kompositionen, Blickwinkel, Linien, Details und Strukturen – witzige bis spannende Ausschnitte der Wirklichkeit, deren Zauber sich in unserer medial lärmenden Zeit vielen Menschen entzieht.


Ähnlich würde ich das in der Porträtfotografie sehen. Für inszenierte Fotos würde ich heute kein Model mehr buchen, sondern das einfach per KI generieren. Aber echte Menschen im echten Leben und in echter Interaktion zu fotografieren, kann keine KI ersetzen.
2. Wenn du mit der Kamera nach draußen gehst: Entsteht das Fotografieren aus dem Moment heraus – oder planst du bewusst Zeit, Ort und Bedingungen, bevor du losgehst?
Fotografie ist für mich das Festhalten eines Moments. Oft laufe ich mit der Kamera einfach los (Foto-Walk). Die am Kameragurt einsatzbereit baumelnde Kamera ändert meinen Blickwinkel auf das, worauf ich achte. Das ist doch der große Vorteil der Fotografie: Sie verschiebt den Fokus des Denkens ins Visuelle, macht meditativ den Kopf frei und lässt einen Dinge wahrnehmen, die man bei einem normalen Spaziergang nie wahrgenommen hätte.
Planung kommt nur ins Spiel, wenn es um das Festhalten einer konkreten Situation (Ereignis, Licht, Wetter …) geht.
3. Gibt es Motive oder Situationen, die dich immer wieder anziehen, auch wenn du dir vornimmst, diesmal etwas ganz anderes zu fotografieren?
Felsen aller Art. Bäume mit verzweigten Wurzelsystemen aller Art. Wolken aller Art – vor allem, wenn sie im Hintergrund vor Hügeln riiiiiesig erscheinen. Brandung und Gischt. Ich habe alles schon hundertfach fotografiert, aber es fasziniert mich immer wieder neu.

4. Was muss passieren, damit du das Gefühl hast, ein Bild „funktioniert“ – ist es eher ein technischer Punkt, eine Stimmung oder etwas, das du schwer benennen kannst?
Was für mich funktioniert, könnte ich klar benennen und beschreiben. Für das, was die Masse der Betrachter mag, habe ich zwar ein gewisses Verständnis, aber deren Wahrnehmung erinnert mich an die entsprechend optimierte automatische Fotooptimierung bei Smartphones, die ich in der Regel schrecklich finde.
5. Welche Rolle spielt Zeit für deine Fotografie? Schnelligkeit, Geduld, Warten, Wiederkommen – was davon ist für dich entscheidend?
Ich bin ungeduldig. Für eine konkrete Bildidee warte ich aber bei wechselnden Lichtbedingungen (Wolkenzug, Tageszeit …) gerne auch für eine bestimmte Zeit und setze die Kamera sogar auf ein Stativ. Oder ich plane die beste Aufnahmezeit je nach Sonnenstand. Aber da muss es sich schon um eine Herzensangelegenheit handeln, bei der es mir emotional auf den realen Moment und das Motiv ankommt.
Wenn es nur um ein geiles Bild an der Wohnzimmerwand ginge, würde ich mir das als Photoshopper einfach als Fotomontage aus eigenen Fotos zusammenstellen. Da denke ich eher pragmatisch. In meinem Gehirn verschmelzen die Übergänge zwischen Traum und Realität sowieso. Alltagsfotos können ja gerne den Alltag abbilden. Wenn mir etwas extrem bearbeitet besser gefällt, dann ist das meine neue Realität. 😉
6. Wann hast du zuletzt bewusst kein Bild gemacht, obwohl eine Kamera dabei war – und warum?
Ich schleppe eigentlich regelmäßig meinen Fotorucksack durch die Gegend, ohne ein einziges Foto zu machen. lach Die Kamera hole ich nur raus, wenn mir danach ist und ich fühle, ein Foto machen zu müssen. Viele Situationen halte ich oft nur mit der iPhone-Kamera fest – einfach, um mich an sie oder an bestimmte Details zu erinnern. Und ja, ich fotografiere auch gern mal das Essen, wenn ich in einem Restaurant bin. 😉 Trotz der eindrucksvollen Qualität heutiger Smartphone-Fotos nutze ich für Fotos, an denen mir wirklich etwas liegt, eine echte Kamera (mit oder ohne Spiegel).
7. Wie gehst du mit Phasen um, in denen scheinbar nichts gelingt oder dich deine eigenen Bilder nicht mehr überzeugen?
Das ist eigentlich ein Dauerzustand. Ich bin nie mit meinen Bildern zufrieden. Aber irgendwann muss ich halt einen Schlussstrich ziehen und einen gewissen Zustand als veröffentlichungswürdig akzeptieren. Oder eben nichts veröffentlichen. 😉
8. Gibt es Regeln oder Überzeugungen in der Fotografie, die du für dich irgendwann bewusst hinterfragt oder abgelegt hast?
Alle. 😉 Beispielsweise sind die vielen Regeln zur Bildkomposition zwar sehr hilfreich, wenn man mit der Fotografie oder Fotomontagen beginnt. Davon gibt es haufenweise! Aber letztlich ist das wie bei den vielen sich völlig widersprechenden Religionen: Es können nicht ALLE gleichzeitig richtig sein (vergleiche dazu einfach mal die Drittelregelung mit dem Goldenen Schnitt!). Insofern muss jeder irgendwann sein eigenes Ding entwickeln. Das kann bedeuten, deinen ganz eigenen Stil durchzuziehen, den niemand außer dir mag, oder sich an die Wahrnehmung der Masse anzupassen und den beliebtesten Regeln zu folgen. Wie so oft gilt es hier, die richtige Balance zu finden. Manches fühlt sich einfach richtig und anderes falsch an – je nach Motiv.
9. Beeinflusst dein Alltag außerhalb der Fotografie, was und wie du fotografierst – und wenn ja, auf welche Weise?
Ja klar. Zum einen: Als Redakteur bei DOCMA und Tutorial-Ersteller muss ich oft Dinge erklären, die mir selbst entweder banal oder uninteressant erscheinen. Dabei liegt der Fokus meist auf der Bildbearbeitung, die jedoch nur ein Teil der Fotografie ist. Ich würde manches Foto gar nicht erst aufnehmen, wenn ich es nicht für spätere Tutorials benötigen würde.
10. Wenn du heute auf deine Fotografie schaust: Was ist geblieben, was hat sich verändert – und was interessiert dich im Moment am meisten?
Ich hätte früher gerne noch häufiger mit Fotomodellen, also mit echten Menschen, zusammengearbeitet. Meine frühere Fotografie war zielgerichtet und zweckgebunden auf Fotomontagen ausgerichtet. Heute fotografiere ich nicht mehr für Fotomontagen, sondern setze meinen Fokus auf den Moment, die Realität und die Motive und die Menschen vor meiner Kamera.In diesem Blogbeitrag erkläre ich meine Gedanken zu genau diesem Thema:
https://www.docma.info/blog/vom-wert-der-fotografie-wie-3d-und-ki-meine-einstellung-zum-fotografieren-verandert-haben
