Yvonne Albe

Yvonne Albe

Foto: Katja Hammerschmidt

1. Wie würdest du dich und deine Fotografie jemandem beschreiben, der dich noch nicht kennt – ohne über Technik oder Genres zu sprechen? 

Ich bin eine Waldverrückte, die mit ihrer Kamera in die Wälder zieht und außerdem viel unternimmt, um ihre Motive zu schützen. 

Foto: Yvonne Albe

2. Wenn du mit der Kamera nach draußen gehst: Entsteht das Fotografieren aus dem Moment heraus – oder planst du bewusst Zeit, Ort und Bedingungen, bevor du losgehst? 

Meistens trifft zweites zu: Ich plane relativ genau, um das Objektiv meiner Begierde unter den bestmöglichen Bedingungen zu erwischen. Wenn ich aber einen Spaziergang mache (ich versuche, jeden Tag ein bisschen in den Wald zu gehen, vor allem, wenn ich lange Schreibtischtage habe), nehme ich immer meine Kamera mit und lasse mich überraschen, was ich entdecke. 

3. Gibt es Motive oder Situationen, die dich immer wieder anziehen, auch wenn du dir vornimmst, diesmal etwas ganz anderes zu fotografieren? 

Es gibt Motive, die mich immer wieder anziehen: Bäume. Manchmal nehme ich mir vor, Tiere zu fotografieren, einen Fuchs, einen Dachs, einen Käfer. Doch sie sind nicht so verlässlich auffindbar wie Bäume. 

Foto: Yvonne Albe

4. Was muss passieren, damit du das Gefühl hast, ein Bild „funktioniert“ – ist es eher ein technischer Punkt, eine Stimmung oder etwas, das du schwer benennen kannst? 

Da müssen mehrere Dinge zusammenpassen: Die Bildkomposition ist wichtig, aber ein Bild muss auch eine Stimmung oder auch ein Gefühl transportieren. Die besten Bilder sind aus meiner Sicht solche, in die der Betrachter eintauchen kann und den Eindruck bekommt, er wäre Teil der Szene.

5. Welche Rolle spielt Zeit für deine Fotografie? Schnelligkeit, Geduld, Warten, Wiederkommen – was davon ist für dich entscheidend? 

Es spielen alle Komponenten, die Du hier nennst, eine Rolle bei meiner Fotografie. Ich muss geduldig sein, wenn ich ein Motiv in einer schönen Stimmung fotografieren möchte. Oft muss ich mehrfach wiederkommen, um es so aufzunehmen, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich bin, so schätze ich es ein, ein recht geduldiger Mensch, zumindest wenn es um Fotografie geht. :-). 

Wenn es beim ersten Mal nicht geklappt hat, dann komme ich eben wieder. Manchmal warte ich lange an einem Ort für eine schöne Stimmung. Und wenn sie dann kommt, muss man schnell sein. Manchmal sind es nur wenige Augenblicke, die man hat, um diese Stimmung einzufangen. Daher spielt die Schnelligkeit auch eine wichtige Rolle bei meiner Fotografie. 

Foto: Yvonne Albe

6. Wann hast du zuletzt bewusst kein Bild gemacht, obwohl eine Kamera dabei war – und warum? 

Wenn ich auf meinen Balkon trete, sehe ich eine wunderschöne Landschaftsszene vor mir, die ich bestimmt schon tausendfach fotografiert habe – bei jeder Wetterlage, jeder Jahreszeit, zu jeder Tages- und Nachtzeit

Heute Morgen lag der Nebel im Tal und die Landschaft war sehr hübsch anzusehen. Doch ich habe nicht zur Kamera gegriffen, weil ich mir gesagt habe: Das habe ich so oder so ähnlich schon vielfach fotografiert. 

7. Wie gehst du mit Phasen um, in denen scheinbar nichts gelingt oder dich deine eigenen Bilder nicht mehr überzeugen? 

Ich warte ab und hoffe darauf, dass es sich wieder ändern wird. 

Foto: Yvonne Albe

8. Gibt es Regeln oder Überzeugungen in der Fotografie, die du für dich irgendwann bewusst hinterfragt oder abgelegt hast? 

Es gab eine Periode, in der ich bestimmte Motive, die ich bei anderen Fotografen gesehen habe, auch fotografieren wollte. Es gab ein paar Reisen, z.B. in die Toscana oder in die Sächsische Schweiz, in der ich entsetzt war, wie Massen an Fotografen bestimmte Motive stürmen. Ich habe gemerkt, dass ich nichts mehr fühle, wenn ich in einem Pulk an Fotografen stehe. Ich kann mich dann nicht mit der Natur verbinden. Ich brauche Ruhe, Konzentration und die nötige Zeit, mich in eine Szene zu versenken und sie mit allen Sinnen aufzunehmen. Seitdem suche ich meine Motive außerhalb der Hotspots. Es ist ein unglaublich erhebendes Gefühl, wenn ich einen charakteristischen Baum oder eine schöne Stelle in der Landschaft selbst entdecke. Mit diesen verbinde ich positive Erinnerungen und Hochgefühle. Das macht die Fotografie für mich so wertvoll.

Foto: Yvonne Albe

9. Beeinflusst dein Alltag außerhalb der Fotografie, was und wie du fotografierst – und wenn ja, auf welche Weise? 

Ich wohne ja sehr ländlich. Ich habe also die Natur direkt vor der Haustüre. Insofern ist es naheliegend, diese auch zu fotografieren. Und so hat meine Leidenschaft ja auch begonnen. Als ich mich nach einer schweren Erkrankung wieder etwas erholt hatte, war der Wald mein erstes Motiv, das mir Kraft und Zuversicht gab.

10. Wenn du heute auf deine Fotografie schaust: Was ist geblieben, was hat sich verändert – und was interessiert dich im Moment am meisten?

Im Moment interessiert mich sehr, das Ökosystem Wald noch besser zu verstehen, denn das ist stark mit meiner Fotografie verknüpft. Ich bilde mich auf diesem Gebiet seit einigen Jahren kontinuierlich fort und versuche, immer auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand zu sein. Doch dieses System ist so unfassbar komplex, dass immer wieder neue spannende Erkenntnisse hinzukommen und ich den Eindruck habe, wir Menschen haben bisher nur einen winzig kleinen Teil davon erforscht. Je mehr ich verstehe, umso besser kann ich den Wald auch fotografisch erfassen, so mein Eindruck. Ich tauche dann nicht nur mit allen Sinnen in die Welt des Waldes, sondern ich empfinde auch zunehmend eine tiefe Ehrfurcht vor diesen Wundern der Schöpfung. 

Foto: Yvonne Albe

Yvonnes Homepage: https://albe.smugmug.com/

Yvonnes Buch „Geheimnisse der Waldfotografie“: https://dpunkt.de/produkt/geheimnisse-der-waldfotografie-2/?ref=10036

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